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Adidas SL 20 im Test

In den letzten Jahren bin ich einige Schuhe der Adizero-Linie von Adidas gelaufen, unter anderem den Adios 3 (Wettkampf), den Boston 6 (Wettkampf / Lightweight) und den Tempo 9 (Lightweight / Stabilität - meinen Erfahrungsbericht zu diesem Modell findet ihr hier https://www.shop4runners.com/blog/cat/testberichte/post/test-adidas-adizero-tempo-boost-9/). Besonders der Tempo 9 hatte einen Stammplatz in meiner Schuhrotation.

Als Adidas vor einigen Monaten den Adidas SL20 vorgestellt hat, war mir nicht recht klar, wie dieses Modell in die Adizero-Linie passt. Durch die fehlende Pronationsstütze ist es offensichtlich kein Nachfolger des Tempo 9, und Gewicht und Charakteristik überlappen ziemlich stark mit dem Boston 8.    

Interessanterweise führt die Webseite von Adidas den SL20 zwar unter der Adizero-Kollektion auf, aber im Gegensatz zu den anderen Schuhen trägt er nicht das stolze „Adizero“ in seinem Namen. Vielleicht auch deswegen fand ich den SL20 zuerst nicht besonders spannend, vor allem vor dem Hintergrund der vielen neuen „Superfoam“ Schuhe.

Aber so viel verrate ich schon jetzt, ich habe mich geirrt.

Optik

 

Optik und Konstruktion - die harten Fakten

 Das Design des SL20 (ich habe ihn in Schwarz) ist recht unauffällig. Allerdings fand ich die schwarzen Schnürsenkel in schwarzen Schuhen dann doch etwas öde, die orangen Schnürsenkel auf den Bildern stammen aus meinem Fundus, obwohl sie genau zum Farbton der Mittelsohle passen.

Das Obermaterial aus Mesh hat sich für meinen Geschmack anfangs etwas hart angefühlt, das hat sich aber nach ein paar Läufen gegeben. Wahrscheinlich aus Gewichtsgründen sind die externen Verstärkungen des Zehenbereichs verschwunden, wie sie der Adios 3 und der Tempo 9 noch hatten.

Die seitlich vernähte Zunge ist sehr dünn und leider oben sehr scharfkantig. Zu allem Überfluss hat sie oben auch noch eine Schlaufe aus einem sehr steifen Material, die über den eigentlichen Rand hinausragt. Wozu das gut sein soll, erschließt sich mir nicht, denn es führt beim Tragen von sehr kurzen Socken zu unangenehmen Reibungen.   

Der SL20 verfügt trotz seiner Leichtigkeit über einen recht stabilen Fersenbereich, dessen äußere Verstärkungen (da wo der SL20 Schriftzug aufgedruckt ist) innen und außen bis zum Mittelfuß reichen. Das resultiert in einer sehr guten Führung.

Die Mittelsohle besteht aus dem neuen Lightstrike-Material, im Gegensatz zu den anderen Adizero Modellen ohne Bereiche aus dem klassischen Boost.

Zunge

Ein weiteres Detail, welches ich schon von anderen Adidas-Modellen schätzen gelernt habe, ist die leichte äußere Abschrägung der Mittelsohle im hinteren Bereich. Diese Abschrägung verringert bei Fersenläufern die Hebelkraft, die den Fuß nach der Landung auf der Außenkante nach innen kippen lässt. Das ist nämlich leider ein Nachteil von breiten Sohlen im Fersenbereich, die ja eigentlich stabilisieren sollen.   

Die Außensohle ist leicht strukturiert mit einem Profil, welches primär für den Einsatz auf Straße und harten Untergründen ausgelegt ist. Im Mittelfußbereich gibt es wie bei fast allen Adidas Modellen ein sogenanntes Torsionselement aus Kunststoff.

Die Adidas Webseite nennt eine Sprengung von 10 mm (Rückfuß 24 mm / Vorfuß 14 mm), aber liebes Adidas Team – das kann nicht stimmen. Selbst wenn ich annehme, dass der obere Teil der Mittelsohle um den Schaft herumgeführt ist (also eigentlich nicht zur Mittelsohlendicke gezählt werden kann), messe ich an der Ferse 30mm und im Vorfuß 20mm.

Eine sehr positive Überraschung ist das Gewicht: in meiner Größe US 11.5 wiegt der SL20 nur 248g, das sind in meiner Größe nur 3g mehr als der Nike Pegasus Turbo 2 und sogar etwas leichter als der hochgelobte Brooks Hyperion Tempo.

Sprengung

Passform und Laufgefühl - von den Fakten zur Praxis

 Mein erster Eindruck beim Reinschlüpfen in den SL 20 war sehr positiv. Die Passform ist exzellent, allerdings wie oft bei Adidas eher geeignet für schmale Füße. Der Schaft umschließt den Fuß im Fersen- und Mittelfußbereich sehr sicher, und der Fersenhalt ist auch ohne allzu feste Schnürung exzellent. Deswegen ist die oben erwähnte dünne Zunge ausreichend, um den Druck der Schnürsenkel zu verteilen.

Die Zehenbox bietet ausreichend Platz und scheint mir etwas geräumiger zu sein als bei meinen anderen Adizero-Modellen.

Die Passform eines Laufschuhs ist natürlich eine sehr individuelle Angelegenheit, aber ich war in letzter Zeit mal wieder öfters enttäuscht, wenn Firmen auf eine tolle Sohlenkonstruktion einen „schlabberigen“ Schaft geklebt haben.   

In einigen Testberichten wird die Dämpfung des SL20 als eher hart bezeichnet, deswegen war ich anfangs etwas skeptisch, weil ich harte Schuhe nicht besonders mag. Erfreulicherweise ist meine Erfahrung ganz anders, ich empfinde die Dämpfung als sehr angenehm. Das ist auch nicht nur subjektiv, ich kann die Mittelsohle im Fersenbereich ohne großen Kraftaufwand mit den Fingern zusammendrücken. Darüber hinaus hatte ich sofort das Gefühl, dass die Dämpfung im Vorfußbereich besser und dicker ist als z.B. bei meinem Boston Boost 6. Deswegen bin ich überhaupt erst auf die Idee gekommen, die Dicke der Mittelsohle mal nachzumessen.

Passform

Obwohl der SL20 über keine Pronationskontrolle verfügt, ist er durch die Kombination der Lightstrike-Mittelsohle, der stabilen Fersenkonstruktion und der guten Passform erstaunlich stabil, besonders für einen so leichten Schuh. Das ist für mich neben dem Gewicht der entscheidende Vorteil gegenüber den sehr ähnlichen Adizero Modellen mit Boost-Mittelsohle.

Ich habe ihn inzwischen für alle möglichen Einheiten verwendet, von langen ruhigen Läufen bis zu knackigen Tempodauerläufen, der SL20 kann alles – und zwar richtig gut. Bei ruhigen Läufen und etwas nachlässiger Form stützt und dämpft er sehr gut, und bei schnellen Läufen kommt durch die Kombination aus Führung und sehr geringem Gewicht „Wettkampfschuh-Feeling“ auf.

Der SL20 ist eine exzellente Option für Läufer, die bisher den Boston Boost oder den Tempo Boost gelaufen sind. Er bietet eine ähnliche Stabilität wie der nicht mehr erhältliche Tempo 9 und ist meines Erachtens auch interessanter als der brandneue Boston Boost 9, leichter und stabiler und vor allem im Vorfuß mit einer besseren Dämpfung.

Sohle

Haltbarkeit - wie sieht es nach einigen Laufkilometern aus?

 Der SL20 zeigt nach inzwischen ca. 100km auf Asphalt und festen Wegen noch keinerlei Verschleiß. Das Obermaterial ist wie auf den Bildern zu erkennen noch wie neu, und auch die Außensohle aus Continental-Gummi zeigt noch keinerlei Verschleiß.

Das Lightstrike Material der Mittelsohle dämpft auch noch wie am Anfang, deswegen gehe ich davon aus, dass der SL20 für viele Kilometer gut ist, was bei einem so leichten Schuh schon sehr erstaunlich ist. 

Erstaunlicherweise ist noch nicht einmal das Torsionselement zerkratzt wie bei meinen anderen Adidas Schuhen, aber vielleicht bin ich durch Zufall wenig auf Schotter gelaufen.

 

Fazit

 

Mein persönliches Fazit

 Der Adidas SL20 hat mich auf ganzer Linie positiv überrascht. Er ist so leicht, dass ich ihn sogar als Wettkampfschuh für Stadtläufe mit vielen Kurven usw. verwenden würde, wo mir mein „Carbonrenner“ einfach zu kippelig ist. Er erinnert mich dabei stark an den Asics DS-Trainer oder den New Balance 1500, ist aber besser gedämpft und trotz fehlender Pronationsstütze mindestens genauso stabil. Gleichzeitig ist er so gutmütig, dass ich Sonntagmorgens meine ruhigen 25er damit laufe.

 Fazit: der SL20 ist für mich mein „Swiss Army Knife“ in Laufschuhform.  

 Mich wundert eigentlich nur, wie wenig die Marketingabteilung von Adidas aus dem SL20 macht. Der Name selbst sorgt schon mal nicht für große Aufmerksamkeit - und einem Schuh, der locker mit Modellen wie dem Brooks Hyperion Tempo oder auch dem Nike Pegasus Turbo 2 mithalten kann, wird die Aussage „EIN LEICHTER LAUFSCHUH MIT REAKTIONSFREUDIGER DÄMPFUNG“ nicht gerecht.